Aus der Geschichte des MGV "Eintracht" 1862 Ketternschwalbach

Wenn ein Verein auf ein 150-jähriges Bestehen zurückblicken kann, so versteht es sich von selbst, dass man diesen Tag in festlicher und froher Runde feiert. Doch dieses Jubiläum hat noch eine besondere Bedeutung, da die Geschichte unseres Vereins eng verknüpft ist mit der Geschichte des Männerchorwesens. Als im 18. und 19. Jahrhundert, Männer wie Joh. Gottfried Herder, Goethe, Zuccalmalio, Ludwig Erk und viele andere das deutsche Volkslied wiederentdeckten und Liedersammlungen anlegten, nahm auch der volkstümliche Chorgesang einen großen Aufschwung. Jedem Sänger sind die Namen Zelter und Silcher bekannt. Zelter gründete im Jahre 1809 in Berlin und Silcher 1829 in Tübingen einen Männerchor, den sie "Liedertafel" nannten. Die Arbeit dieser Männer wurde richtungweisend für das deutsche Männerchorwesen. Das erste deutsche Sängerfest fand im Jahre 1829 statt und der Deutsche Sängerbund wurde im Jahre 1862 gegründet, just in dem Jahr, in dem auch unser Verein das Licht der Welt erblickte. Zweiunddreißig Männer waren es, die unter Leitung von Lehrer Harz den Verein gründeten. Genaue Aufzeichnungen über die ersten 50 Jahre des Vereins sind uns leider nicht erhalten. Im Jahre 1876 wurde die Vereinsfahne angeschafft. Sie ist uns, mit vielen Schleifen geschmückt, bis heute erhalten geblieben.

Beim 50-jährigen Stiftungsfest im Jahre 1912, lebten noch sieben der ersten Mitglieder des Vereins. Es waren: Joh. Ph. Ruppert, Ludwig Börner, Ph. Gapp, Karl Wittlich, Karl Harz, Wilhelm Rücker und Karl Best. Das Fest wurde mit großem Aufwand begangen. Zwölf Gastvereine bildeten den Festzug. Die sieben Mitbegründer fuhren in einer "Chaise" im Festzug mit. 2.100 Liter Bier wurden getrunken. Man bezahlte damals 20 Pfennig für den Liter. Zu dieser Zeit zählte der Verein 21 aktive Mitglieder. Dann kam der 1. Weltkrieg. Während dieser Zeit wurden keine Gesangstunden gehalten. Im Jahre 1920 nahm man die Gesangstunden wieder auf. Es brach die Zeit der Geldentwertung an. Ein Sänger musste 1.923.100 Mark Monatsbeitrag zahlen. Da das Geld dauernd anstieg und an Wert verlor, beschloss man, dem Dirigenten fünf Zentner Roggen als Jahresgehalt zu zahlen. Wer zu spät in die Gesangstunde kam, musste 20 Mark Strafe zahlen. Auch diese Jahre wurden überstanden. Nach der Inflation war der Kassenstand allerdings auf 31 Mark zusammengeschrumpft. Doch nach dem Motto:

Fest und einig früh und spat,

in dem Liede, in der Tat.

nahm das Vereinsleben seinen Fortgang.

Im Jahre des 50-jährigen Fahnenjubiläums, 1926, zählte der Verein 33 Mitglieder. In diesem Jahr erhielt er auch seinen heutigen Namen "Eintracht". Bevor der 2. Weltkrieg das Vereinsleben wieder zum Erliegen brachte, konnte der Verein im Jahre 1937 noch einen Höhepunkt seiner Geschichte feiern, das 75- jährige Bestehen. Diesmal waren 18 Gesangsvereine zu Gast. Der Festplatz lag "Im Grund". Zur feierlichen Eröffnung sprachen die Festdamen Tilli Kunz und Emmi Ruppert den Prolog und überreichten eine Fahnenschleife. Dem Verein wurde vom damaligen Reichssängerbund die Zelterplakette verliehen. Beim Frühschoppen am Festmontag kostete ein Glas Bier 10 Pfg.

Neun Jahre mussten vergehen, bis man sich wieder zum friedlichen Sängerwettstreit vereinigen konnte.

Im August 1948 trat der Verein erneut zusammen. Im Oktober 1949 wurde der erste Liedertag nach dem Krieg abgehalten. Neuen Auftrieb erhielt das Vereinsleben durch die Errichtung der Gemeindehalle im Jahre 1951. Dazu wurde gemeinsam mit dem Turnverein im Jahre 1952 eine Bühne errichtet. So kam auch das seit Jahren gepflegte Laienspiel wieder zu seinem Recht. Da man die Feste feiern soll, wie sie fallen, wurde auch nicht versäumt, das 90-jährige Bestehen des Vereins festlich zu begehen. Den Prolog sprach diesmal Lieselotte Enderich. Einige der damaligen Festgäste werden vielleicht noch mit Freude an die gelungene Aufführung des Kaiserwalzers denken.

Im Jahre 1962 feierte unser Verein sein 100-jähriges Bestehen. Das Fest wurde unterstützt von neun Ehrenmitgliedern, 35 aktiven und 26 passiven Mitgliedern. Den Prolog sprach Eva Kühn. Das Festzelt war an den drei Festtagen sehr gut besucht und auch hier werden sich noch viele daran erinnern können.

Einen weiteren Höhepunkt in der Vereinsgeschichte markiert im Jahre 1972 das große Sängerfest zu unserem 110-jährigen Vereinsjubiläum. Der Verein bestand zu diesem Zeitpunkt aus 11 Ehrenmitgliedern, 39 aktiven und 16 passiven Mitgliedern. In dem herrlichen Festzelt, aufgestellt neben der Turnhalle, gaben sich während der drei Jubiläumstage insgesamt 22 Gastvereine ein musikalisches Stelldichein. Unter der Schirmherrschaft von Landrat Becker gestaltete sich so ein prächtiges Sängerfest, das am letzten Tag durch einen Festgottesdienst nebst Frühschoppen harmonisch ausklingen konnte. Im Jahre 1976 wurde der Verein in das Vereinsregister eingetragen und führt seitdem die Zusatzbezeichnung "e.V.". Auch im Jahre 1982 stand Ketternschwalbach wieder ganz im Zeichen des Chorgesangs. Über ein ganzes Wochenende feierten wir unser 120-jähriges Bestehen, anlässlich dessen sich 14 Gastvereine bei uns einfanden und die Gemeindehalle mit stimmlichem Wohlklang füllten. Wenn auch in einem etwas kleineren Rahmen durchgeführt als die vorausgegangenen Jubiläumsveranstaltungen, war es doch ein äußerst gelungenes Sängerfest.

Ein bedeutendes Ereignis in der Vereinsgeschichte war auch das 125-jährige Jubiläum vom 08. bis 18. Mai 1987. Es war ein rundum gelungenes Jubiläum, das von dem Festausschuss unter der Leitung von Holger Klaue hervorragend organisiert wurde. Der aktive Chor hatte eine Mitgliederzahl, die bisher einmalig war, der Chor hatte 42 aktive Mitglieder.

Die Festfolge begann am Freitag, dem 08. Mai mit einer Totenehrung am Ehrenmahl. Es folgte der Festkommers mit den Chören aus Bleidenstadt-Watzhahn und Hettenhain und der Jazztanzgruppe des TVK. Am Samstag, dem 09. Mai sangen die "befreundeten Chöre" aus: Steckenroth, Wingsbach, Wambach, Michelbach, Bechtheim, Neuhof und Beuerbach. Am folgenden Wochenende besuchten uns am Freitag die Chöre aus: Esch, Görsroth, Wörsdorf, Panrod und der Bechtheimer Jugendchor. Am Samstag sangen: Strinz Trinitatis, Kesselbach Holzhausen ü. Aar, Oberlibbach, Heftrich, Rückershausen, Strinz Margarethä, Wallbach und Kirberg. Zum Frühschoppen am Sonntag sangen: Hausen ü. Aar, Walsdorf, Daisbach, Kettenbach, Limbach und Wallrabenstein.

Die Festschrift zum 125-jährigen Jubiläum wurde von dem Team um Werner Gros gestaltet. Der Einband der Festschrift war gestaltet mit dem Satz: "Das Dörfchen" von Schubert mit dem passenden Text zu unserem schönen Dörfchen:

Ich rühme mir mein Dörfchen hier, denn schönre Auen, als ringsumher die Blicke schauen, blüh`n nirgends mehr...

Nur an einigen wichtigen Ereignissen kann die Vereinsgeschichte aufgezeigt werden. Was dem Verein an Freude und Enttäuschungen im Laufe der Jahre widerfahren ist, lässt sich in der hier gebotenen Kürze nicht ausdrücken. So können die schweren Stunden, in denen der Verein, viel zu früh, von noch jungen Mitgliedern Abschied nehmen musste, ebenso nur am Rande behandelt werden Andererseits die Teilnahmen an unzähligen Liedertagen und Sängerfesten, die ja gewissermaßen zum Alltag eines Gesangvereins zählen. Darüber hinaus sollte man die Teilnahmen an mehreren Sängerwettstreiten, die ob der recht langen Vorbereitungsphase immer etwas Besonderes für den Chor darstellen, und von den Sängern so manches "Opfer" verlangen, nicht vergessen. An dieser Stelle sei nur an den Wettstreit im Jahre 1985 im rheinhessischen Sulzheim erinnert, an dem unser Verein mit größtem Erfolg teilgenommen hat. Sowohl Chor als auch Dirigent wurden mit ersten Preisen bedacht, ein Novum in unserer doch recht langen Vereinsgeschichte. Doch wenn auch ein Verein am Erfolg geschnuppert hat, stellen sich weitere Erfolge ein. 1990 in Stadecken-Elsheim und 1994 in Wolfsheim hat der Verein an den dortigen Wettstreiten teilgenommen. An beiden Wettstreiten konnte der MGV in seiner Klasse alle 1. Preise gewinnen. Hier sollte der Empfang der Sänger zu Hause erwähnt werden, denn jedes Mal, wenn der Sängerbus den Ortseingang erreichte, wurden die erfolgreichen Sänger von den Ketternschwalbachern empfangen.
Mit Musik, Gesang und unter dem Geläut der Kirchenglocken wurden die Sänger in die Gemeindehalle geleitet, um dort den Erfolg entsprechend zu feiern. Diese Zeit war unter der Leitung des Chorleiters Rainer Tauber eine sehr erfolgreiche Zeit.

Der MGV hat auch an vielen Wertungssingen und Kreiskritiksingen teilgenommen. Bei allen Wertungen und Kritiken konnten die Sänger stolz auf das Ergebnis sein.

Letztendlich und besonders möchten wir die freundschaftliche und gute Zusammenarbeit mit den anderen Ketternschwalbachern Ortsvereinen erwähnen, die ihresgleichen sucht.

Nach 145 Jahren Vereinsgeschichte hat sich im Jahre 2006 eine grundlegend neue Entwicklung aufgetan. In einem Verein, der sich Männerchor nennt, bildet sich ein Frauenchor. Der Name "MGV" wird beibehalten. Im "MGV" singen nun der Frauenchor "Cantella" und der Männerchor "Eintracht". Der erste Frauenchor in der Geschichte des MGV wird von Kirsten Sommer geleitet. Ab jetzt bietet es sich an, gemeinsam als gemischter Chor zu singen, aber auch weiterhin als selbstständiger Frauen- wie auch Männerchor aufzutreten.

Zum 150-jährigen Jubiläum sind wir froh über die erfolgreiche chorische Entwicklung beider Chöre. Die Frauen bereichern sehr erfolgreich das Chorleben in Ketternschwalbach. Nach dem Neubau der Gemeindehalle in 2010 singen die Frauen in der Gemeindehalle in einem Rhythmus von zwei Wochen und die Männer im Gasthaus "Zur Post" im Kuistall an jedem Montag. Bei Auftritten beider Chöre hat sich der Frauenchor zu einem richtigen "Fanclub" der Männer entwickelt. Darüber freuen wir uns alle. Möge diese Entwicklung und die vorbildliche Zusammenarbeit nach einer 150-jährigen Vereinsgeschichte weiter anhalten.

Edwin Diels